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Riesiges Potenzial von Bikesharing

Boom in China, Anzeichen eines Booms in der Schweiz und ein Autohersteller, der ins neue Geschäftsmodell investiert. 

I: China macht es vor

Fahrräder haben schon früher das Strassenbild in Chinas Grossstädten dominiert. Neu ist, dass es sich dabei nicht um alte Drahtesel handelt, sondern um nagelneue, moderne, farbenfrohe Fahrräder: orange, gelbe, blaue, grüne, silberne Velos. China erlebt seit einigen Monaten einen Bikesharing-Boom. In den Strassen von Peking bis Guangzhou, von Chengdu bis Shanghai rollen Millionen neue Fahrräder. In einzelnen Städten soll, so zumindest die Legende, bereits die Luftqualität besser geworden sein, weil weniger Menschen motorisiert unterwegs sind.

Bikesharing nach chinesischer Art ist einiges revolutionärer als die in westlichen Städten von Grossbanken gesponserten Fahrräder mit ihren Docking-Stationen. Eine App auf dem Mobiltelefon zeigt an, wo sich das nächste Fahrrad befindet. Meist ist der Blick auf die App allerdings ohnehin nicht nötig, denn die Velos stehen überall. Jedes Fahrrad hat eine Plakette mit einem QR-Code. Dieser wird mit dem Mobiltelefon gescannt, worauf sich das elektronische Schloss des Fahrrads öffnet. Nun kann die Mieterin damit herumfahren, zu Kosten von umgerechnet rund fünf Rappen pro halbe Stunde. Wird das Gefährt nicht mehr gebraucht, lässt man es einfach irgendwo stehen, scannt den QR-Code, beendet die Miete und lässt das Schloss wieder einschnappen. Bereits ist der chinesische Boom in ein Überangebot umgeschlagen. In einigen chinesischen Städten sind die Trottoirs dermassen mit Fahrrädern vollparkiert, dass die Velos zur Plage werden.

II: Die Schweiz rüstet nach

Davor fürchtet man sich in der Schweiz. Der Veloverleiher O-Bike aus Singapur hat im Sommer die Stadt Zürich mit seinen Fahrrädern überschwemmt. Dabei ist ein Streit entbrannt. Nicht nur das Strassenbild gibt zur Sorge Anlass, sondern auch das Wirtschaftsmodell: Der Anbieter braucht keine Bewilligungen und bezahlt keine Gebühren, da er keine festen Abstellstationen bewirtschaftet. Das sei unfair, die Expansionsstrategie zu aggressiv, so die Kritik.

Einen öffentlichen Veloverleih gibt es in der Schweiz schon seit einigen Jahren. In Lausanne boten die Hochschulen bereits seit 2009 ihren Studenten die Möglichkeit, zwischen den in der Stadt verteilten Universitätsgebäuden per Zweirad zu pendeln. Im Herbst 2017 hat die Betreiberin Publibike die Velostationen in Lausanne komplett modernisiert und erweitert und die Veloflotte mit E-Bikes ergänzt. Der Elektrovelo-Anteil beträgt 70 Prozent, der steilen Topografie von Lausanne entsprechend. Dieselben Fahrradmodelle, die in Lausanne in Einsatz stehen, sollen ab Frühling 2018 auch in Bern und Zürich verfügbar sind – falls die Städte dann noch nicht von O-Bike überschwemmt sind.

III: Ford fährt jetzt auch Velo

Der Bikesharing-Boom lässt auch die Autohersteller nicht kalt. Wie andere Hersteller auch will sich beispielsweise Ford von einem reinen Fahrzeugproduzenten zu einem Anbieter von allerlei Mobilitätsdienstleistungen wandeln. Und dazu sollen auch Leihräder gehören, die die Nutzer der hauseigenen Mobilitätsanwendung «Fordpass» über ihre Mobiltelefone ausleihen können. Das Bikesharing-Projekt bietet der Autohersteller in Kooperation mit der DB Connect GmbH an, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Diese betreibt den bahneigenen Bikesharing-Dienst namens Callabike. In einem ersten Schritt haben die beiden Partner die Metropolen Düsseldorf und Köln mit 3200 neuen Leihfahrrädern ausgerüstet. Die Räder stehen sowohl den rund 36’000 Nutzern der Ford-Mobilitätsapp zur Verfügung als auch den Callabike-Kunden von DB Connect. Umgekehrt können die Ford-App-Nutzer nun auch die 13’000 Callabike-Räder in anderen Städten mieten.