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«Potenzial gibt es bei beiden Technologien»

Studien prophezeien der Elektromobilität massive Zuwachsraten und eine dominante Stellung in absehbarer Zeit. Kurt Rohrbach, Energieexperte und bis vor kurzem Präsident beim Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, betrachtet die Situation differenzierter. Einerseits stelle der zusätzliche Strombedarf eine Herausforderung dar, anderseits ortet er auch bei Benzin- und Dieselautos durchaus Entwicklungsmöglichkeiten.

Herr Rohrbach, es werden immer mehr Elektroautos verkauft, Tesla fahren gehört in gewissen Kreisen bereits zum guten Ton. Ist der Siegeszug der Elektromobilität unaufhaltsam?
Ich wäre etwas vorsichtig mit dem Wort «Siegeszug», aber die Elektroautos, -motorräder und -fahrräder haben heute einen technischen Stand und verfügen über eine Infrastruktur, die ihnen eine gute Rolle in der Palette der Mobilität sichert.

Laut einer aktuellen Studie von Deloitte soll in Deutschland der Anteil der Neuwagen, die mit Elektro- oder Hybridmotor angetrieben werden, zwischen 2018 und 2030 von 7 auf 90 Prozent steigen. Für wie realistisch halten Sie diese Annahme?
Der Anteil wird bestimmt steigen, die Technologie und Reichweite verbessert, aber man darf auch die Entwicklung bei den Verbrennungsmotoren und die Erwartungen und Aussichten, welche sich bei den verschiedenen synthetischen Brennstoffen abzeichnen, nicht unterschätzen. Deshalb halte ich die 90 Prozent für übertrieben.

Die Werte der Studie für Deutschland würden wohl mehr oder weniger auch für die Schweiz gelten. Wie viel mehr Strom müsste bis 2030 hierzulande in etwa verfügbar sein, um neun von zehn Autos elektrisch betreiben zu können?
Für die Schweiz ist eine analoge Entwicklung zu erwarten, auch wenn sie mit ihren kürzeren Distanzen besser für Elektroautos geeignet ist als Deutschland. Bei einer angenommenen hundertprozentigen Umrüstung auf Elektroautos würde sich der hiesige Strombedarf je nach Studie um rund 7 bis 12 TWh erhöhen. Dies entspricht etwa 15 bis 20 Prozent des heutigen Bedarfs. Das sind aber Gedankenspiele.

Wäre diese zusätzliche Strommenge so rasch verfügbar?
Das Angebot an Strom ist grundsätzlich vorhanden und dürfte nicht limitierend sein. Dennoch glaube ich, dass die Geschwindigkeit einer Verschiebung überschätzt wird. Selbst wenn immer mehr private und öffentliche Ladestationen Solarenergie einsetzen, ändert das nichts daran, dass ein grosser Teil dieser Zusatzenergie importiert werden müsste.

Und dann müsste der Strom ja auch noch verfügbar gemacht werden für die Elektroautos.
Die Leistung und Ladeinfrastruktur für ein derart rasantes Wachstum zur Verfügung zu stellen, wäre in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Aber machbar wäre es grundsätzlich.

Immer wieder hört man auch, dass die Kilometerreichweiten von Elektroautos eher zu optimistisch kalkuliert werden und die Tanks, etwa bei starker Kälte, viel früher leer sind. Die Folge ist ein Mehrbedarf an Strom, um die Fahrzeuge öfter zu betanken. Das heisst: Noch mehr Strom, aber woher?
All diese Effekte gibt es natürlich. Deren möglichst dramatische Schilderung ist aber Teil des Konkurrenzkampfes, für den ich zwar Verständnis habe, aber in dem ich nicht mitmischen will. Das Hauptthema bleibt: Die Elektromobilität hat gute Karten beim Wirkungsgrad, der Einfachheit der Technologie und damit bei der Wartung, schlechte bei der Speicherung. Der heutige Park ist mit Benzin bzw. Diesel punkto Speicherung hervorragend aufgestellt, beim Wirkungsgrad dagegen nicht. Potenzial gibt es aber bei beiden Technologien. 

Nochmals zu den Energieressourcen. Wie sicher wäre die Versorgung der Schweiz mit genügend Strom, sollten dereinst wirklich so viele Elektroautos auf den Strassen verkehren?
Selbstverständlich bedeuten mehr Stromverbrauch und das rechtzeitige Installieren von mehr Anschlussstellen eine Herausforderung. Das Problem ist aber weniger ein technisches, sondern eines der hohen Regulierungsdichte in unserem Land. Eine Gefährdung der Versorgungssicherheit sehe ich aber nicht.

Ist das Stromsystem für solche Kapazitätssprünge nicht zu wenig resilient?
Das ist es – wenn schon – bereits heute. Mit der stärkeren Dezentralisierung der Versorgung ist so oder so auf allen Ebenen neben dem Nachholbedarf ein zunehmender Investitionsbedarf da. Es braucht sowieso einen Ausbau der Stromversorgung. Für wie viel Elektromobilität dieser Ausbau erfolgen muss, ist allerdings nicht matchentscheidend.

Laut dem Energieforscher Rainer Zah braucht die Herstellung der Batterie eines Elektroautos grosse Mengen an Energie und produziert mehr CO2-Emissionen als die Herstellung eines Benzinmotors. Zahs These: Nur Elektroautos, die viele Kilometer fahren, können ihre gesamtheitliche CO2-Bilanz gegenüber den Benzinmotoren über einen ganzen Lebenszyklus deutlich verbessern. Von potenziellen 90 Prozent Elektroautos im ganzen Flottenpark würden aber wohl viele oft herumstehen. Wäre das ein klimatechnisches Eigentor?
Ein klimapolitisches Eigentor wäre es, auf dem heutigen Stand stehen zu bleiben. Ich kenne die Studie nicht. Wichtig ist, dass man bei solchen Einschätzungen die Entwicklungen und Potenziale aller Technologien einbezieht und vor allem nicht bei einer statischen Analyse verharrt.

Trotzdem: Muss die Batterietechnologie der Elektroautos in den kommenden Jahren revolutioniert werden, damit die Elektromobilität auf Dauer wirklich nachhaltig werden kann?
Ja, selbstverständlich braucht es noch bedeutende Schritte bei der Entwicklung. Jedes System, das nachhaltig werden will, braucht Entwicklung. Und mit allen heute in der Mobilität eingesetzten Technologien sind wir in der Tat noch weit davon entfernt.

Abschliessend Ihre Einschätzung: Welches realistische Potenzial sprechen Sie der Elektromobilität in der Schweiz bis 2030, 2050 und darüber hinaus zu?
Das weiss ich nicht, sonst würde ich dieses Wissen sofort nutzen. Es hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob all die Mitbewerber einander in Forschung, Entwicklung und im Markt durch technische Leistungen und kluge Systeme beflügeln, oder auf dem regulatorischen und kommunikativen Parkett behindern.

Kurt Rohrbach

ZUR PERSON:

Kurt Rohrbach wurde 1955 in Biel geboren, absolvierte ein Studium zum dipl. Elektroingenieur an der ETH Zürich und startete 1980 eine 36-jährige Karriere bei der BKW Energie AG, die er elf Jahre (2001 – 2012) als CEO führte. Während zehn Jahren (1999 – 2009) war er Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungs-Kommission (CORE) und von 2008 bis Mai 2017 Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Ferner ist Kurt Rohrbach Vorstandsmitglied beim Wirtschaftsverband Economiesuisse und seit 2015 Präsident des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern (Berner Handelskammer) mit rund 3500 Mitgliedern. Kurt Rohrbach ist verheiratet mit Dr. med. vet. Renée E. Devaux Rohrbach und lebt in Büren an der Aare.

Interview: Robert Wildi