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© Coop
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H2-Tankstellen: Noch kein Boom in Sicht

Coop ist mit der ersten öffentlichen Wasserstofftankstelle vorgeprescht. Andere Tankstellenfirmen sehen ebenfalls Potenzial, halten sich aber noch zurück. Initialzündung für Nachahmer könnte ein klares Bekenntnis vom Bund zur H2-Antriebstechnologie in Form von finanzieller Unterstützung sein.

Von Superlativen wie «Weltpremiere» oder «Mobilitätsgeschichte» wurde die Eröffnung der ersten öffentlichen Wasserstofftankstelle für Automobile und Nutzfahrzeuge durch die Coop Mineraloel AG im letzten November begleitet. Medienwirksam betankte Joos Sutter, Konzernchef der Coop-Gruppe in Hunzenschwil AG, erstmals einen mit Wasserstoff (H2) betriebenen Lastwagen samt Anhänger, den der Grossverteiler im nahe gelegenen Logistikcenter Schafisheim zusammen mit zwölf H2-Personenwagen in die Flotte integriert hat.

Noch sind es fast ausschliesslich die eigenen Coop-H2-Fahrzeuge der Marke Hyundai, die seither an der neuen Tankstelle in Hunzenschwil ein- und ausfahren. Anderes hat man bei der Coop Mineraloel AG auch nicht erwartet. «Der Betrieb läuft absolut störungsfrei, der Absatz entspricht unseren Vorstellungen», sagt CEO Roger Oser. Für 2017 erwartet er keine signifikanten Veränderungen. Noch müssten zunächst zusätzliche Kunden für diese CO2-neutrale Technologie gewonnen werden und entsprechende Fahrzeuge kaufen. «Wir gehen von einer kontinuierlichen Kundensteigerung über die nächsten Jahre aus.»

Shell: H2-Tankstellen ja, vorderhand aber nicht in der Schweiz

Aus einem kritischen Blickwinkel heraus könnte man dies als Zweckoptimismus bezeichnen. Im Personenwagen-Segment verkehren heute gerade mal 25 Wasserstofffahrzeuge (alles Hyundai ix35 Fuel Cell) auf Schweizer Strassen. Und auch im Nutzfahrzeugbereich entwickelt die Technologie bislang noch wenig Durchschlagskraft. Postauto Schweiz etwa hat einen Pilotversuch mit fünf H2-Fahrzeugen, die den Wasserstoff via Brennstoffzellen auf dem Dach in Strom umwandeln, nach fünf Jahren mangels Aussicht auf einen wirtschaftlichen Betrieb abgebrochen.

Mitunter kommerzielle Gründe sind es auch, die andere Tankstellenbetreiber vorderhand abhalten, es Coop in der Schweiz gleich zu tun. Etwa Shell, wo man sich zum Potenzial der neuen Antriebstechnologie auf Konzernebene schon früh bekannt hat. Das Unternehmen betreibt heute Wasserstofftankstellen in Kalifornien und Deutschland, eine davon 50 Kilometer nördlich von Schaffhausen. In diesem Jahr kommt eine Anlage in Grossbritannien dazu, andere europäische Länder sind im Visier von Shell. «In der Schweiz gibt es allerdings noch keine entsprechenden Pläne», sagt Conrad Mummert, Leiter Tankstellengeschäft von Shell Schweiz. «Hierfür wären zunächst der erklärte Wille der Schweizer Bundesregierung sowie eine finanzielle Anschubfinanzierung notwendig, so wie es in Deutschland der Fall ist», lautet die unmissverständliche Forderung. Denn solange es nur wenige Brennstoffzellenfahrzeuge gebe, sei der Aufbau eines Tankstellennetzes ein reines Zuschussgeschäft. Dazu ist Shell gegenwärtig nicht bereit und wartet deshalb ab.

© ix35/Hyundai

Generelle Zurückhaltung bei BP und Migrol

Auch andere Tankstellenunternehmen beobachten die Entwicklung genau, zeigen sich indes aus zusätzlichen Gründen zurückhaltend. Wie Shell betreibt BP seit geraumer Zeit weltweit verschiedene Wasserstofftankstellen. Das Fazit ist eher ernüchternd. «Basierend auf den Erfahrungen mit den Tankstellen, verbunden mit einer realistischen Projektion der Kosten für die Herstellung eines Brennstoffzellenfahrzeugs, ist es aus unserer Sicht wenig wahrscheinlich, dass Wasserstoff in absehbarer Zukunft ein bedeutender, kohlenstoffarmer Treibstoff sein wird», sagt Constantin Cronenberg, Geschäftsführer von BP Schweiz. Seine Begründung: Neben einer ausreichenden Infrastruktur sei bei der Wasserstoffherstellung auch der Rohstoffeinsatz von zentraler Bedeutung. Wasserstoff werde häufig durch Dampfreformieren von Methan unter Verwendung von fossilem Erdgas als Einsatzmaterial hergestellt. Dadurch sei Wasserstoff noch kein emissionsfreier Treibstoff.

Dass er dies durchaus sein kann, beweist Coop mit ihrem Modell in Hunzenschwil. Die Tankstelle bezieht ihren Wasserstoff zu 100 Prozent aus dem Laufwasserkraftwerk der lokalen Energiedienstleisterin IB Aarau, wo er absolut CO2-neutral produziert wird. Daniel Hofer, Unternehmensleiter der Migrol AG, ist derweil überzeugt, dass Herstellung wie auch Transport von H2 ohne fossile Ausgangsstoffe oder Energieträger äusserst energieintensiv und teuer seien. Ziele man nämlich auf CO2-Neutralität und eine abfallfreie Stromproduktion ab, lasse sich H2 nur mit Elektrolyse herstellen, die Strom aus Wasserkraft, Windkraft oder Photovoltaik bezieht. «Es müssten für die H2-Mobilität deshalb Windräder, Photovoltaikanlagen und Wasserkraftwerke im grossen Stil gebaut werden.» Wäre der politische Wille für eine entsprechende Rahmengesetzgebung vorhanden, könnten diese Stromproduktionskapazitäten laut Hofer auch in der Schweiz errichtet werden. «Ohne Eingriffe in die Landschaft und eventuell in das Privateigentum – hier müsste der Staat oder der Betreiber solcher Anlagen Entschädigung leisten – liesse sich dies allerdings kaum realisieren.»

Zurzeit zweifelt der Migrol-Chef an, dass die Masse der Mobilitätsteilnehmer bereit ist, diesen hohen Preis zu bezahlen. «Ähnlich denken wohl die Automobilhersteller, die zumindest nach heutigen Aussagen stärker auf Batterieantriebe, vollelektrisch oder hybrid, setzen.» Wasserstoff sei auf jeden Fall eine der dichtesten und saubersten Energieformen, räumt Hofer ein. «Nur ist die dafür benötigte Infrastruktur sehr aufwändig.» Aus genannten Gründen sei die Eröffnung von H2-Tankstellen vorderhand auch bei Migrol nicht in Planung.

CO2-Vorschriften werden der Entwicklung Vorschub leisten

Den grossen Wasserstoff-Boom hat Coop mit dem Vorpreschen in Hunzenschwil also noch nicht ausgelöst. Aufzuhalten sein wird die Entwicklung gleichwohl kaum. Die immer strengeren Vorschriften für den erlaubten Ausstoss von CO2 einer verkauften Wagenflotte pro Jahr wird die Hersteller zu drastischen Änderungen in der Motorentechnologie und im Fahrzeugbau zwingen. «Ich rechne damit, dass ab 2020 der Anteil der Nicht-Verbrennungsmotoren in den verkauften Neuwagen markant zunehmen wird», sagt Daniel Hofer. Bei Shell erwartet man sogar klare Vorteile für die Brennstoffzelle. «Im Vergleich zum Batterieantrieb haben Fahrzeuge mit Brennstoffzellen eine Reichweite von 500 bis 700 Kilometern und es dauert nur rund drei Minuten, um das Fahrzeug mit Wasserstoff zu betanken», betont Conrad Mummert. Seine Aussage weist stark darauf hin, dass es eine Frage der Zeit ist, bis in der Schweiz die ersten Wasserstofftankstellen ohne Coop-Logo auftauchen werden.

«Wir wollen die Einführung von H2-Fahrzeugen beschleunigen»

Roger Oser, CEO Coop Mineraloel AG

Herr Oser, warum ist Coop mit der Lancierung der ersten öffentlichen Wasserstofftankstelle vorgeprescht?
Wir sind von der Technik und deren riesigen Marktchancen überzeugt. Denn bezüglich Lebensgewohnheiten und Leistungsmerkmalen unterscheidet sich ein Brennstoffzellenfahrzeug nicht von einem Benzin- oder Dieselfahrzeug. Das ist eine sehr gute Voraussetzung. Dazu haben wir dank unseres Oecoplan-Wasserstoffs an der Tankstelle in Hunzenschwil eine Weltneuheit geschaffen, nämlich das Autofahren im geschlossenen Wasserkreislauf. 

Wie funktioniert das?
Konkret bedeutet dies, dass unser Wasserstoff CO2-neutral am Laufwasserkraftwerk der IB Aarau produziert wird. Durch die so genannte «Kaltverbrennung» im Fahrzeug wird der Wasserstoff wieder in Strom umgewandelt und treibt einen Elektromotor an. Dem Auspuff entweicht nichts Anderes als Wasserdampf. Dieser geht in die Atmosphäre und fällt in Form von Regen oder Schnee wieder auf den Boden.

Warum reagiert der Markt noch so zurückhaltend?
Die grossen Vorbehalte für den Einstieg in diese Technologie sind die fehlende Infrastruktur und die Schwierigkeit der Bereitstellung von regenerativ erzeugtem Wasserstoff. Fahrzeughersteller warten auf ein Tankstellennetz, Tankstellenbetreiber warten auf mehr Fahrzeuge. Diese Pattsituation wollen wir durchbrechen und haben für ein Angebot gesorgt, das wir gleich mit einer eigenen Nachfrage bedienen. Coop geht es darum, die Einführung wasserstoffbetriebener Elektrofahrzeuge als Pionier zu beschleunigen, weil wir überzeugt sind, dass diese Fahrzeugtechnik einmalige Eigenschaften hat und eine alltagstaugliche ökologische Mobilität ermöglicht.

Sind weiter Wasserstofftankstellen geplant?
Derzeit arbeiten wir drei weitere Baugesuche für Wasserstofftankstellen aus. Wenn es mit den Bewilligungsverfahren klappt, können wir anfangs 2018 zwei neue Tankstellen in Betrieb nehmen und die Infrastrukturen in der Schweiz weiter ausbauen.

Text/Interview: Robert Wildi