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© Coop
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H2 – Autoindustrie zögert

Hyundai und Toyota fahren bereits vorne weg. Auch andere Hersteller sehen in Brennstoffzellenautos ein Zukunftspotenzial. Vor allem die gegenüber Elektromobilen schnellere Betankung ist ein starkes Argument. Solange es aber nicht mehr Wasserstofftankstellen gibt, dürfte die Entwicklung von H2-Autos kaum in die Gänge kommen.

Hört man sich bei Autoherstellern zum Thema Brennstoffzellenfahrzeuge um, könnte der Tenor passend mit «ja – aber» umschrieben werden. Das grundsätzliche Interesse an Motoren, die mit Wasserstoff (H2) betrieben werden, ist unbestritten vorhanden. So ist etwa für Volkswagen die Brennstoffzelle mit Wasserstoff ein Forschungs- und Entwicklungsthema, dem namhafte Mittel zugewendet werden. Das gilt auch für BMW, wo auf der Webseite sogar steht: «Langfristig setzt die BMW Group auf die Wasserstoff-Brennstoffzellentechnologie als Energiequelle.» Die Anbieter scheinen ein spannendes Potenzial zu wittern, zumal die schnelle Betankungsmöglichkeit und hohe Reichweite das Wasserstoffauto in Sachen Nutzerfreundlichkeit kaum vom heutigen Standard der Benziner unterscheidet. Dies im Gegensatz etwa zu den Elektromobilen.

Von Euphorie ist gleichwohl noch keine Spur. Der Ausdruck «langfristig» scheint im BMW-Statement auf dem Web durchaus wörtlich gemeint zu sein. Beim genaueren Nachfragen zum möglichen Zeithorizont der Entwicklung eines ersten H2-Modells von oder notwendigen Rahmenbedingungen heisst es am Schweizer Sitz in Dielsdorf nämlich kurz und knapp: «Wir können keine detaillierteren Aussagen zum Thema machen.» Auch bei VW ist das grundsätzliche Interesse noch weit davon entfernt, in konkretes Handeln überzugehen. «Bislang sind aus Sicht der Volkswagen AG die Rahmenbedingungen zur konkreten Entwicklung von H2-Modellen noch nicht geschaffen und noch viele Fragen zu Themen wie ökologische Gewinnung von Wasserstoff, notwendige Infrastrukturen etc. offen», sagt Dino Graf von Amag, der Schweizer Generalimporteurin aller Automarken des Volkswagen Konzerns.

Warten auf mehr Tankstellen

Weiter vorangeschritten sind mutige Mitbewerber aus Asien. Etwa Toyota. Die Japaner haben 2015 mit dem Mirai (japanisch: Zukunft) ihr erstes H2-Fahrzeug in Serienproduktion geschickt. In Europa läuft der Verkauf indes noch auf Sparflamme. Rund 100 Mirai-Modelle fahren auf den europäischen Strassen, hierzulande noch gar keines. «Der Schweizer Markt konnte bis jetzt aufgrund fehlender Infrastrukturen nicht berücksichtigt werden, obwohl die Nachfrage durchaus vorhanden ist», sagt Christian Künstler, neuer Generaldirektor der Toyota AG in Safenwil.

© Mirai/Hyundai


Und hier liegt das wesentliche Problem. Es fehlen die Tankstellen. Zur ersten öffentlich zugänglichen H2-Zapfsäule, welche die Empa im November 2015 auf ihrem Campus in Dübendorf lanciert hat, ist nun ein Jahr später in Hunzenschwil AG zwar eine zweite von Coop hinzugekommen. Das ist aber nach wie vor viel zu wenig. Damit die Markteinführung eines mit Wasserstoff angetriebenen Fahrzeugs Sinn mache, sei es unabdingbar, dass in der Schweiz weitere Wasserstoff Tankstellen gebaut würden, so Künstler. Toyota hat sich am Pariser Autosalon Ende 2016 erneut klar zur Weiterentwicklung im Segment der Wasserstoffautos bekannt und engagiert sich auch in der Schweiz mit verschiedenen Partnern dafür, die entsprechenden Aktivitäten in Gang zu bringen. Es ist ein schwieriges Unterfangen, zumal eine Wasserstofftankstelle gemäss dem Autoexperten Peter Fuss von Ernst & Young rund eine Million Franken kostet.

Und hier liegt eine weitere Krux. Investitionen in Tankinfrastrukturen werden erst dann attraktiv, wenn auch ein entsprechender Fahrzeugmarkt besteht. Das findet zum Beispiel Amag, die sich schon an vorderster Front für die Entwicklung von Erdgas-Tankstellen und auch Schnellladestationen für Elektroautos engagiert hatte. «Im Bereich der Wasserstoff-Infrastruktur gibt es in Ermangelung eines entsprechenden Fahrzeugmarktes zurzeit keine spruchreifen Pläne», sagt Dino Graf. Die Entwicklung behalte man gleichwohl im Auge und werde bei Bedarf handeln.

Kann Hyundai die Schweiz zum H2-Land machen?

Damit sich die Patt-Situation um die Frage nach mehr H2-Fahrzeugen oder -Tankstellen irgendwie lösen kann, braucht es auch im Automarkt einen furchtlosen «First Mover». Diese Rolle übernimmt Hyundai. Die Südkoreaner haben bereits 2013 mit dem ix35 Fuel Cell das erste H2-Auto weltweit in Serie produziert. 400 Modelle fahren heute auf Europas Strassen, davon deren 25 in der Schweiz. Zwölf davon hat Coop gekauft und nutzt sie für dessen Verteilzentrum in Schafisheim AG. Nachdem Hyundai bereits als Empa-Partnerin bei der Lancierung der ersten H2-Tankstelle agierte, sind die Südkoreaner nun also auch bei der Coop-Offensive an vorderster Front mit dabei.

«Wir sind felsenfest von einer sehr guten Zukunft für die Wasserstofftechnologie überzeugt», so der Hyundai-Projektmanager Nicholas Blattner. Kein anderes Antriebssystem könne einerseits die strengen CO2-Grenzwerte einhalten und anderseits den Komfortansprüchen der Kundschaft (schnelle Betankung und grosse Reichweite) gerecht werden. «Mit H2-Fahrzeugen wird sich für den Autofahrer gegenüber dem heutigen Zustand am wenigsten verändern.» Am Genfer Autosalon im März dieses Jahres werden die Südkoreaner die nächste Generation eines Wasserstofffahrzeugs präsentieren.

Gleichwohl ist man sich auch bei Hyundai bewusst, dass Wasserstoffautos für den kommerziellen Durchbruch noch mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit benötigen. Nicholas Blattner spricht von zwei ganz wichtigen Herausforderungen: «Wie schnell können wir in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Wasserstoffmobilität fördern und wird es innert nützlicher Frist eine vernünftige Tankinfrastruktur geben?» Hyundai glaubt auf alle Fälle an die Zukunft von Wasserstoff in der Mobilität und hat den ersten Schritt dazu vollzogen.

Text: Robert Wildi