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«Biotreibstoffe haben nicht das Potenzial, fossile Treibstoffe abzulösen»

Biotreibstoffe wurden einst als globale Wunderlösung zur Senkung der CO2-Emissionen gehandelt. Welche Rolle spielen sie heute und in Zukunft? Den Stand der Dinge erklärt Roland Bilang von der Erdöl-Vereinigung.

Herr Bilang, warum werden Biotreibstoffe in der Schweiz überhaupt angeboten und welchen Nutzen haben sie?
In der Schweiz besteht seit dem 1. Januar 2013 eine CO2-Kompensationspflicht für Importeure fossiler Treibstoffe. Konkret bedeutet das, dass sie durch CO2-Reduktionsmassnahmen, welche ausschliesslich im Inland umzusetzen sind, bis 2020 zehn Prozent der bei der Verbrennung fossiler Treibstoffe entstehenden Emissionen kompensieren müssen. Dies gelingt unter anderem durch die Beimischung von Biotreibstoffen zu Benzin und Diesel.

Die meisten Kunden bekommen an der Zapfsäule gar nicht mit, dass sie Treibstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen als Zusätze zu gewöhnlichem Benzin oder Diesel tanken, da erst ab einem höheren Anteil eine Deklarationspflicht besteht…
… genau. Bei diesen geringen Anteilen ergeben sich keine Nachteile für den Kunden. Sowohl die Treibstoffqualität, als auch die Herstellung und Beimischung ist in europäischen Normen einheitlich geregelt. Diese müssen eingehalten werden, und damit wird ein jederzeit einwandfreier Betrieb des Fahrzeugs gewährleistet, unabhängig vom Land und Betankungsort. Insgesamt dürfte das Fahrverhalten einen grösseren Einfluss auf den Treibstoffverbrauch haben als die Beimischung von Biokomponenten.

Mit Biotreibstoff verbraucht mein Auto etwas mehr. Woran liegt das?
Es ist in der Tat so, dass die Energiedichte, sprich der Energiegehalt pro Liter, von Biotreibstoffen tiefer liegt als jener der entsprechenden fossilen Treibstoffe. Biodiesel, sogenanntes FAME, hat einen um bis zu acht Prozent und Ethanol einen um rund 30 Prozent tieferen Energiegehalt als die herkömmlichen Treibstoffe. Aber machen wir die Rechnung: Da dem Diesel nur bis zu maximal sieben Prozent FAME und dem Benzin maximal fünf Prozent Ethanol beigemischt werden, ist der Effekt pro Liter Treibstoff äusserst gering. Insgesamt dürfte das Fahrverhalten einen grösseren Einfluss auf den Treibstoffverbrauch haben als die Beimischung von Biokomponenten. Zudem ist auch zu berücksichtigen, dass Ethanol über eine wesentlich höhere Oktanzahl verfügt als Benzin, was wiederum vorteilhaft ist, ebenso hat FAME eine höhere Cetanzahl als Diesel.

Muss der Kunde am Ende für die bekanntlich komplexere Fertigung von Biotreibstoffen bezahlen?
Grundsätzlich ist die Herstellung von einem Liter Biotreibstoff teurer, als von einem Liter Benzin oder Diesel. Dies bedeutet, dass in einem freien Markt Biotreibstoffe nicht konkurrenzfähig wären. Der Gesetzgeber greift hier auf unterschiedliche Art und Weise in den Markt ein.

So gibt es Länder, wie die meisten EU-Staaten, mit Beimischungsverpflichtungen oder aber auch solche mit steuerlichen Anreizen. Letzteres gilt auch für die Schweiz, wo die Mineralölsteuer für Biotreibstoffe ganz oder teilweise erlassen wird, sofern diese ökologische und soziale Mindestanforderungen erfüllen. Steuerverluste werden durch Erhöhung der Mineralölsteuer auf Benzin haushaltsneutral kompensiert.

Unter dem Strich führen diese verschiedenen staatlichen Eingriffe zu unterschiedlichen Marktverzerrungen. Ob und in welchem Umfang dies im Einzelfall die Konsumentenpreise beeinflusst, kann vor diesem Hintergrund nicht pauschal beantwortet werden. In einem freien Markt sind Biotreibstoffe nicht konkurrenzfähig; sie sind politisch gewollt.

Es gibt Stimmen, die behaupten der Einsatz von Biotreibstoffen würde einen Eingriff in die Nahrungsproduktion bedeuten. Ist da etwas dran?
Vor rund zehn Jahren entflammte die bekannte Teller-Trog-Tank-Diskussion. Diese führte zu einem grundsätzlichen Überdenken und kritischen Hinterfragen des Einsatzes von Biotreibstoffen als CO2-Reduktionsmassnahmen. Global betrachtet zeichnete sich ab, dass aus Nahrungs- oder Futtermittelrohstoffen produzierte Biotreibstoffe niemals fossile Treibstoffe auch nur annähernd substituieren werden, sich jedoch negativ auf die Landnutzung und Naturräume auswirken können. In der Folge wurden neue Gesetze geschaffen, die zusätzliche, äusserst anspruchsvolle ökologische und soziale Mindestanforderungen entlang der gesamten Produktionskette stellen. Die Schweizer Anforderungen an Biotreibstoffe zählen zu den strengsten weltweit, sodass hierzulande grösstenteils aus Rest- und Abfallstoffen produzierte Biotreibstoffe eingesetzt werden – und nicht jene aus landwirtschaftlich produzierten Nahrungs- und Futterrohstoffen. Allerdings sind auch Rest- und Abfallstoffe nur in begrenzten Mengen verfügbar. Nicht zuletzt aus diesem Grund verfügen Biotreibstoffe nicht über das Potenzial, künftig fossile Treibstoffe abzulösen.