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«Wir sind noch weit weg vom kommerziellen Erfolg»

Wie haben sich die ersten Schnellladestationen für Elektrofahrzeugen bisher bewährt? Und was muss noch verändern, damit das Geschäftsmodell funktioniert? Edgar Bachmann, CEO der Tankstellenbetreiberin Socar Energy Switzerland, Pionierin der Branche, zieht Bilanz.

Im September 2014 hat Socar an der Tankstelle in Bursins (VD) die erste 50 KW Schnellladestation der Schweiz für Elektroautos in Betrieb genommen. Wie viele weitere dieser Stationen sind seither hinzugekommen?
Bislang sind Schnellladestationen an den Socar-Tankstellen in Bursins sowie im aargauischen Kölliken in Betrieb. Eine weitere ist an der Tankstelle in Herrlisberg an der A3 zurzeit im Bau. Sie dürfte Anfang März fertiggestellt sein und in Betrieb gehen. Voraussichtlich per Ende 2016 wird an der neuen Socar-Tankstelle St. Katharina an der A14 eine vierte Ladestation eröffnet.  

Wie sieht Ihr erstes Fazit nach etwas mehr als einem Betriebsjahr aus?
Unsere Kunden zeigen sich mit dem Angebot zufrieden, bislang sind keine technischen Probleme aufgetreten. Auch dürfen wir feststellen, dass der Strombedarf von Elektrofahrzeugen an unseren Tankstellen kontinuierlich steigt. Unsere Ladestationen werden primär als Zwischenstopp zur Nachladung genutzt, damit die Elektroautomobilisten grössere Distanzen bewältigen können.

Wie hoch sind die Benutzerfrequenzen?
Im Jahr 2015 registrierten wir durchschnittlich eine bis drei Ladungen pro Tag und Station.

Welches sind die positiven, welches die negativen Erkenntnisse aus dieser ersten Projektphase?
Wir sind überzeugt, mit den Ladestationen einem neuen Marktbedürfnis gerecht zu werden. Es gibt zwar erst eine kleine, dafür aber stetig wachsende Kundschaft. Auch funktioniert die Technologie reibungslos. Die Ladestationen sind allerdings noch nicht wirtschaftlich, zudem fehlt ein Parkplatz-Reservationssystem für die Ladung. Des Weiteren ist das Zahlungssystem der Ladestationen noch nicht national einsetzbar und auch nicht integrierbar in unser bestehendes Socar-Kassensystem.

Könnten Sie bitte kurz schilden, wie eine Strombetankung vor sich geht?
Grundsätzlich können an den Socar-Schnellladestationen alle batteriebetriebenen Elektrofahrzeuge angeschlossen werden. Der Kunde fährt auf den Parkplatz der Ladestation und steckt das zum Fahrzeug gehörende Ladekabel in den richtigen Stromanschluss. Da Schnellladegeräte eingesetzt werden, dauert der Ladevorgang nur 20 bis 30 Minuten.

Wie respektive wieviel wird bezahlt?
Unser Partner Groupe E, das Energieversorgungsunternehmen aus Fribourg, verrechnet pro Ladung zehn Franken. Die Kunden bezahlen diesen Betrag via SMS oder Move-Karte.

Wie kann der Tankwart kontrollieren, ob der Kunde seine SMS tatsächlich abschickt?
Die Ladesäule ist ohne den Versand der entsprechenden SMS gesperrt und ohne Move-Karte kann kein Tankvorgang gestartet werden.

Sie sagen, die Ladestationen seien noch nicht rentabel. Wann soll es denn so weit sein?
Das kann ich zum heutigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Wir sind noch weit weg von einem kommerziellen Erfolg. Der ist zurzeit auch nebensächlich. Uns geht es primär um die Mitgestaltung einer neuen mobilen Zukunft. Wir sehen uns als Mobility Provider und wollen uns frühzeitig auf neue Marktbedürfnisse vorbereiten. Die Elektromobilität ist ein solches.

Trotzdem: Welche technischen Entwicklungen braucht es nebst einer Steigerung der Benutzerfrequenzen, damit das Geschäftsmodell mit den Schnellladestationen für einen Tankstellenbetreiber wie Socar lukrativ wird?
Ladestationen für batteriebetriebe Elektromobile sind wirtschaftlich nur interessant, wenn die Anzahl der Elektro-Fahrzeuge stark ansteigt, die Ladevorrichtungen standardisiert werden, ein Parkplatz-Reservierungssystem eingeführt und ein sinnvolles Abrechnungssystem entwickelt wird, welches es den Tankstellenbetreibern erlaubt, Einkommen zu generieren. Ebenfalls muss der Ladevorgang weiter verkürzt werden.

Wie schätzen Sie das Potenzial von Wasserstoff-Fahrzeugen (Fuelcell) ein?
Als gross. Wir ziehen in Erwägung, in diese Technologie zu investieren. Die batteriebetriebenen Fahrzeuge stossen an Grenzen, die allenfalls mit Wasserstoff umgangen werden können. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Bundesamtes für Energie, von Tankstellenanbietern und Automobilherstellern erarbeitet zurzeit eine Projektbasis, um Wasserstofftankstellen zu lancieren.

Steht diesbezüglich vor allem die Automobilindustrie in der Pflicht?
In der Pflicht steht nicht ein einzelner Marktteilnehmer. Behörden und Vertreter der Automobil-, Strom- und Tankstellenbranche müssen in solchen Dingen verstärkt zusammenarbeiten. Nur so kann sich eine neue Technologie durchsetzen.

Edgar Bachmann, CEO von Socar Energy Switzerland

ZUR PERSON:

Der 48-jährige Edgar Bachmann ist seit 1. Juli 2012 CEO von Socar Energy Switzerland. Er verfügt über viel Berufserfahrung im nationalen und internationalen Energiegeschäft und arbeitete zwei Jahrzehnte bei Shell, zuletzt als General Manager Retail Italien und Verwaltungsrat Shell (Switzerland). Davor war Edgar Bachmann Marketing Leiter D-A-CH, Global V-Power Brand Manager, Retail Manager A-CH, Leiter Shop-Geschäft und Mitarbeiter in den Bereichen Finance und Interne Revision. Er studierte an der Universität Zürich Wirtschaftswissenschaften mit Vertiefung Betriebswirtschaft.

Interview: Robert Wildi