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Movimento

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Mobilität by Smartphone

Carsharing-Konzepte ohne fixe Annahme- und Abgabestelle sollen Stadtbewohner zum Verzicht auf ein eigenes Auto animieren. Die Mobility-Tochter «Catch a Car» rollt nach einem Pilotversuch in Basel bald auch durch Genf.

Einsteigen, losfahren, parkieren und tschüss. Ein Auto nach Bedarf, von A nach B düsen und fertig. Keine Reparaturen, kein Reifenwechsel und schon gar keine teure Vollkasko. Eine praktische Sache, die erst noch einen guten Zweck dient. So jedenfalls will es die ETH Zürich mit ihrer Studie zum «Catch a Car» Pilotprojekt in Basel schwarz auf weiss nachweisen. 100 kleine VW up!s hatte die Tochterfirma des Carsharing-Unternehmens Mobility ab August 2014 auf den Strassen der Stadt und Agglomeration Basel verteilt. 20 weitere kamen später dazu. Wer sich online registriert, darf sie via Smartphone-App frei nutzen und irgendwo auf einem öffentlichen Parkplatz hinstellen. Das Resultat der zweijährigen Testphase ist laut ETH eindrücklich: Die Aktion hat gemäss ihrer Studie dazu geführt, dass die Basler mit ihren Privatautos pro Jahr 560’000 Kilometer weniger zurückgelegt haben. Ein geteilter «Catch Car» habe vier Privatwagen ersetzt und in Basel für einen Mindertreibstoffverbrauch von 45’000 Liter Treibstoff pro Jahr gesorgt. Das entspricht 104 Tonnen CO2.

Free-Floating-Carsharing (FFC) heisst das Konzept, das den Komfort des «Autos auf Zeit» auf ein ganz neues Niveau hieven soll. Dazu will es der Staubildung entgegenwirken und die Umwelt entlasten. Kein Wunder, dass auch andere Schweizer Städte hellhörig geworden sind. «Catch a Car kommt nach Genf», hat das Unternehmen erst kürzlich verkündet. Spätestens Anfang 2017 werden auch in der Westschweizer Metropole die ersten 100 VW up! anrollen. «Zurzeit sind wir vor Ort in der Planungsendphase, zum Beispiel in Bezug auf den konkreten Parking-Rayon, wo die Autos nach Gebrauch hingestellt werden dürfen», erklärt Silena Medici, Leiterin der Catch a Car AG. Zu weiteren geplanten Standorten kann sie im Moment noch nichts Konkretes sagen. Nur so viel: «Im Prinzip haben alle grossen Schweizer Städte ihr Interesse an unserem Konzept angemeldet.»

GDI: Software wird Hardware an Bedeutung überholen

An das riesige Zukunftspotenzial solcher Lösungen glauben auch Mobilitätsforscher. Die Autoren der Studie «Mobilität 2025 – Unterwegs in die Zukunft» vom GDI Gottlieb Duttweiler Institut sind überzeugt, dass durch effizientes «Sharing and Pooling» die weltweite Zahl der Privatautos massiv gesenkt werden könnte. Bei einem heuer gehaltenen Referat zitierte die Ko-Autorin Martina Kühne eine amerikanische Studie, wonach der Stadtstaat Singapur mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern nur noch 300’000 Privatfahrzeuge bräuchte, würde man diese optimal vernetzen und teilen. Heute fahren in Singapur fast doppelt so viele PWs herum.

Die GDI-Forscher sagen in ihrer Studie ein Zeitalter der «Managed Mobility» voraus. Die Weiterentwicklung von Software zur geschickten Vernetzung von Mobilitätsangeboten werde die Hardware (Strassen und Verkehrsinfrastrukturen) an Bedeutung überholen. Bis es soweit sei, müsse aber der Leidensdruck wohl noch grösser werden. «Auf dem Weg dorthin werden die Verkehrsteilnehmenden in immer längeren Staus stecken und immer enger zusammengepfercht in Pendlerzüge stehen», so die Studie.

Vorderhand keine Elektroautos

Absolut an den Erfolg des Free-Floating-Carsharings glaubt Ulrich Weidmann, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich. Am diesjährigen Kongress des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) brach er eine Lanze für Projekte wie «Catch a Car». Weidmann lobte neben der Benutzerfreundlichkeit des Konzepts auch dessen verbesserte Finanzierungsstruktur gegenüber dem heutigen motorisierten Individualverkehr mit niedrigeren Einstiegs- und dafür höheren Grenzkosten. Die Milchbüchlein-Rechnung scheint für die Nutzer von «Catch a Car» jedenfalls aufzugehen. Sie bezahlen 41 Rappen pro Fahrminute, das Parkieren kostet 24 Rappen pro Minute. Ein regelmässiger Nutzer in Basel hat seine monatlichen Ausgaben im Rahmen der ETH-Erhebung auf rund 100 Franken beziffert. Das sei deutlich günstiger als ein eigenes Auto, welches er inzwischen auch verkauft hat.

5000 Kunden hat «Catch a Car» in Basel bisher gewonnen. Laufend kommen neue hinzu, die ersten bald auch in Genf. Einem weiteren Ausbau des ersten Schweizer FFC-Konzept stehe nichts im Weg. Bald auch mit Elektroautos in der Flotte? Dazu Silena Medici: «Das kann in Zukunft durchaus ein Thema werden, zurzeit ist die Infrastruktur der Ladestationen aber noch zu mangelhaft.»

Text: Robert Wildi