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© Sergey Kohl/Shutterstock.com
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Ist das Auto «out»?

Das Auto sei bei Jungen immer weniger beliebt, besagen aufsehenerregende Studien. Doch stimmt das wirklich?

Patrick Müller war ein herausragender Fussballspieler. Nicht nur, weil er als Abwehrchef der Schweizer Fussballnationalmannschaft massgeblich daran beteiligt war, dass diese an den Fussball Weltmeisterschaften in Deutschland 2006 keinen Gegentreffer erhielt. Sondern auch deshalb, weil er zu Zusammenzügen der Nationalmannschaft meist mit einem Occassionwagen der unteren Mittelklasse vorfuhr. Und der ragte heraus unter den Ferraris, Porsches oder Lamborghinis, mit denen die Fussballerkollegen vorfuhren. Wie kann ein vermögender Mensch wie ein Fussballstar seinen Reichtum im öffentlichen Raum ausdrücken? Die konventionelle Antwort darauf lautet: Durch ein teures und womöglich noch dezibelstarkes Auto. 

Seit einigen Jahren sorgen jedoch Studien für Aufsehen, wonach das Auto seine Rolle als Statussymbol zunehmend verliere. In Deutschland hat die Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach im Jahr 2010 rund 1200 Personen zwischen 18 und 25 Jahren zu ihren Konsum-Präferenzen befragt. Resultat: Die Jugend von heute würde lieber einen Monat lang auf das Auto verzichten als auf das Handy. Die Interpretation des Studienleiters Stefan Bratzel: Das Auto verliere als Statussymbol bei der Jugend signifikant an Bedeutung. 

In den USA widmete das Magazin «The Atlantic» zwischen 2011 und 2012 dem Konsumverhalten der Generation Y, also der nach 1980 Geborenen, mehrere ausführliche Betrachtungen und löste damit einen ziemlichen Wirbel aus. Der Befund: Unter den Autokäufern sei der Anteil der jungen Generation von 38 Prozent Mitte der 80er-Jahre auf 27 Prozent zurückgegangen. Die von den Millennials gefahrenen Strecken seien rückläufig. Und der Anteil der Teenager mit einem Führerausweis sei ebenfalls deutlich gefallen. Die Schlussfolgerung: Dass die jüngere Generation sich bei einer kapitalintensiven Anschaffung wie einem Auto zurückhält, könnte nicht nur die Autokonzerne in Bedrängnis bringen, sondern in Zukunft sogar das Wirtschaftswachstum ganzer Nationen bremsen. 

Die Wahrheit ist indes komplizierter – zum Glück für die Autoindustrie. Nach wie vor stiegen weltweit die Autoverkaufszahlen. Und inzwischen zeigen Studien, dass die Millennials sogar mehr Autos kaufen als frühere Generationen. Ob jemand ein Auto kauft oder nicht, ist weniger von der Generation abhängig, der man angehört, als vom Wohnort. Je grösser die Städte, je verbreiteter der öffentliche Verkehr und je rarer die Parkplätze, desto kleiner tendenziell der Anteil der Haushalte, die über ein oder mehrere Autos verfügen.

Das ist auch in der Schweiz so, wo das Bundesamt für Statistik die letzte grössere Erhebung zum Mobilitätsverhalten im Jahr 2010 gemacht hat. Die Resultate zeigen, dass in grossen Städten wie Basel, Bern und Zürich ungefähr jeder zweite Haushalt ohne Auto auskommt.

© BFS, Neuenburg 2010


In Kleinstädten und auf dem Land jedoch spielt das Auto weiter die Rolle, die es früher generell hatte. Es bedeutet Unabhängigkeit, ermöglicht Teilhabe an urbaner Kultur und Jobs in weiter Ferne.

Insgesamt gesehen erfreut sich das Auto nach wie vor grosser Beliebtheit. In der Schweiz sind im Jahr 2015 insgesamt 427’168 motorisierte Strassenfahrzeuge neu in Verkehr gesetzt worden. Damit wurde der Vorjahreswert um 7,7 % übertroffen und der bisherige Rekord aus dem Jahr 2012 (430’973 Fahrzeuge) beinahe eingestellt.

© BFS, Neuenburg 2016


Für Fussballstars übrigens sind Autos nicht nur Statussymbole, sondern auch Rückzugsorte, und als solche gerade in Grossstädten unentbehrlich. Gökhan Inler, der ehemalige Kapitän der Schweizer Fussballnationalmannschaft, konnte sich in Neapel nicht in der Öffentlichkeit zeigen, ohne dass sich eine hysterisch werdende Menschentraube um ihn bildete. Er hat sich deshalb fast ausschliesslich im Schutze seines Autos durch die Stadt bewegt, das luxiuriöse Auto also als Lebensraum benutzt, mit abgedunkelten Fensterscheiben.