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Die drei Fragezeichen zur E-Mobilität

Im Jahr 2035 wird jedes zweite verkaufte Fahrzeug in der Schweiz durch einen Elektro- oder Hybridmotor angetrieben. Das erwarten Fürsprecher der E-Mobilität. Ob ihr Optimismus berechtigt ist, hängt von drei wesentlichen Faktoren ab: Batterieleistung, Stromladeinfrastruktur und Mobilitätsverhalten.

Die E-Mobil-Welle soll den weltweiten Asphalt fluten und einen wichtigen Beitrag zur Abwendung der globalen Klimakatastrophe leisten. Ein hehres Ziel, das sich verschiedene Länder und Regierungen etwas kosten lassen. In Deutschland wird zum Beispiel aktuell diskutiert, Käufern eines Elektroautos künftig 5000 Euro aus der Staatskasse zu schenken. Selbst bei Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace sind solche Subventionen jedoch höchst umstritten.

Dass sich ein Markt auch ohne Subventionen aus der Staatskasse aufbauen lässt, zeigt das Beispiel Schweiz. Im Jahr 2014 betrug der Anteil der Elektroautos von allen erstmals zugelassenen Neuwagen 0,9 %. Im Jahr 2015 dürfte dieser Anteil auf rund 1,2 % gewachsen sein. «Damit sind wir in der Schweiz in Sachen E-Mobilität gut unterwegs und im Verhältnis schon weiter als Deutschland», sagt der Umweltphysiker Peter de Haan, Gruppenleiter Energiepolitik und Mobilität beim Ingenieur-, Planungs- und Beratungsunternehmen Ernst Basler + Partner sowie Dozent für Energie und Mobilität an der ETH Zürich. Für den Ko-Autoren der Studie «Chancen und Risiken der Elektromobilität in der Schweiz» steht fest: «Das Auto der Zukunft wird elektrisch angetrieben.»

Peter de Haan, Dozent für Energie und Mobilität an der ETH Zürich

Batterie muss effizienter und günstiger werden

Der Begriff Zukunft ist zeitlich dehnbar. Ob und wann sich die Prognose de Haans bewahrheiten wird, steht in den Sternen. Sein Szenario geht davon aus, dass im Jahr 2025 jedes zehnte verkaufte Auto in der Schweiz mit einem Batterie- oder Plug-In-Hybridmotor angetrieben wird. 2035 sollen dann gleichviele Elektrofahrzeuge verkauft werden wie Autos mit Verbrennungsmotoren, 2050 sogar sieben von zehn.

Damit es soweit kommt, braucht es noch einiges an Vorarbeit. In erster Linie muss die Batterie in den Elektroautos viel leistungsstärker und gleichzeitig deutlich günstiger werden. Die verwendete Lithium-Ionen-Batterie, welche laut Experten noch über Jahre Standard für Elektrofahrzeuge bleiben wird, ist betreffend der Energiedichte 30 Mal weniger effizient als ein Benzintank, aber trotzdem viel teurer. Peter de Haan geht heute davon aus, dass die Batterie ihre Energiedichte in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren verdoppeln bis verdreifachen kann und im selben Zeitraum um den gleichen Faktor günstiger wird. Diese Entwicklung von mehr Reichweite für weniger Franken werde die Markttauglichkeit von E-Fahrzeugen deutlich vorantreiben.

Die preisliche Entwicklung der Lithium-Ionen-Batterie könnte aber unter Umständen auch zum Unsicherheitsfaktor werden. Sollten sich, wie vielerorts erwartet, China und andere wichtige Autoindustrieländer künftig im grossen Stil der Elektromobilität zuwenden, drohen preistreibende Lieferengpässe für Lithium. Peter de Haan entgegnet, dass das chemische Element neben den heute gut gefüllten Lagerstätten bei Bedarf auch aus südamerikanischen Salzwüsten und sogar aus den Ozeanen gewonnen werden kann. Komplett auszuschliessen sei indes nicht, dass ein kurzfristiger Markthochlauf zu vorübergehenden Versorgungsengpässen führen könnte.

«Geladen wird vor allem zuhause»

Eine weitere Herausforderung hinsichtlich Realisierung der Wachstumspläne in der Elektromobilität stellt sich beim Thema Ladeinfrastrukturen. Viele Automobilisten verzichten heute nur deshalb auf den Kauf eines Elektroautos, weil das Stromtankstellennetz in der Schweiz im Gegensatz etwa zu Norwegen noch stark unterentwickelt ist. Vor allem in städtischen Agglomerationen herrscht diesbezüglich Handlungsbedarf. Laut Peter de Haan profitiert die Elektromobilität jedoch von der Lademöglichkeit in der eigenen Garage. «Gemäss unseren Prognosen wird man Strom vor allem zuhause laden sowie tagsüber am Arbeitsplatz.» Dass es trotzdem zeitnah ein sinnvoll angelegtes Basisnetz braucht, damit sich die E-Mobilität wie erhofft am Markt durchsetzen kann, stellt er nicht in Abrede. «Ein solches Basisnetz muss die Bedürfnisse vom Durchreiseverkehr decken, von E-Touristen sowie Stadtbewohnern.»

Nicht die längste, die kürzeste Strecke ist das Kaufargument

Die dritte und vermutlich kniffligste Voraussetzung, welche für den erhofften Siegeszug einer nachhaltigen Elektromobilität gegeben sein muss, ist ein Umdenken bezüglich Mobilität in der Bevölkerung. Elektromobilität verspricht aus ökologischer Sicht vor allem auf kürzeren Strecken und mit leichten Fahrzeugen einen Vorteil. Zurzeit orientiert sich das Kaufverhalten am Automarkt aber nach wie vor an der längsten gefahrenen Strecke. Die Fürsprecher der E-Mobilität plädieren auf ein neuartiges, vernetztes Mobilitätsverständnis. Beispiel: Man kauft sich ein kleines Elektrofahrzeug für die alltäglichen Kurzstrecken und leiht sich für längere Fahrten (Ferien) ein grösseres aus, beispielsweise im Carsharing. Oder nutzt dafür den öffentlichen Verkehr.

Batterie, Ladeinfrastruktur, Mobilitätsverhalten: Drei Komponenten, die sich rasant weiterentwickeln müssen, damit der Umstieg auf die Elektromobilität gelingt. Ob dafür zehn bis zwanzig Jahre tatsächlich reichen, wird sich weisen. Ebenso, ob jeder Kauf tatsächlich von der Öffentlichen Hand subventioniert werden muss, um dieses Ziel zu erreichen.

Text: Robert Wildi