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Movimento

© Centro Archivio Storico (FCA)
Mix

Architekturperle der Autoindustrie

Die Anfänge der italienischen Automobilindustrie sind geprägt von visionären Unternehmern und einer seither wohl nie mehr erreichten Grandezza. Bis heute zu besichtigen in Turin.

Giovanni Agnelli, der Industriepionier aus Turin, bereiste 1915 verschiedene Ford-Fabrikstädten in den USA. Der Fordismus seinerseits ging als stark standardisierte Massenproduktion von Konsumgütern in die Geschichte ein, mit Hilfe hochspezialisierter monofunktionaler Maschinen sowie der Fliessband-Anfertigung.

Agnelli war beeindruckt. Zu Hause in Turin, im gleichnamigen Stadtteil, gab er den Auftrag zu «Lingotto», der ersten industriellen Autofabrik von Fiat und die zu dieser Zeit weltweit grösste überhaupt.

© Centro Archivio Storico (FCA)


Nichts für Kleingeister

Aber als Visionär wollte sich Agnelli nicht damit begnügen, die Ford-Fabrikhallen nachzubauen. Er gab den Auftrag zu einem industriellen Monumentalbau der Moderne. Effiziente Produktionsanlagen umgeben von verschwenderischer Architektur. Auf dem Dach des Gebäudes ist die legendäre Teststrecke für die Fiat-Modelle frisch ab Fabrik angelegt, für Geschwindigkeiten bis zu 90 km/h, Höchstgeschwindigkeiten zu dieser Zeit. Ein Strassenoval von drei Kilometern Länge, mit Rennpistenbelag, halsbrecherischen Steilkurven und atemberaubender Aussicht bis zum Alpenkamm.

1939, also sich die Auto-Produktionszahlen vervielfacht hatten, wurde selbst die Fabrik in Lingotto zu klein. Agnelli verschob die Fiat-Produktion ins noch grössere Mirafiori-Gelände vor die Stadt. Es folgten die goldenen 50er-Jahre, in denen Turin «die Gesetze des internationalen Autodesigns diktierte».

© Centro Archivio Storico (FCA)
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Wie der Grossvater, so der Enkel

Spätestens in den Achtzigerjahren jedoch setzte der Niedergang der italienischen Autoindustrie ein. 1982 wurde die Produktionsanlage in Lingotto geschlossen. Doch noch einmal plante der legendäre Enkel des Firmengründers, Gianni Agnelli, eine grosse Geste auf dem Dach, gemeinsam mit dem Genueser Stararchitekten Renzo Piano. Seit Ende der Achtzigerjahre thronen hoch über der alten Rennpiste zwei Konstruktionen als verwegene Symbole des Fortschritts. Ein schwebender Quader, der die Bildersammlung Giovanni und Marella Agnelli beherbergt, und vor allem aber «La Bolla». In der Glaskugel, die geschickt die Struktur der alten Fensterfronten aufnimmt, ist ein in jeder Hinsicht extravaganter Konferenzraum untergebracht – lange Jahre Sitz des Fiat-Vorstands, mit direktem Zugang zu einem Helikopterlandeplatz.

© Berengo Gardin Gianni
© Renzo Piano Building Workshop


Hier oben leiteten die Fiat-Mächtigen 2009 auch die Fusion mit dem damals insolventen und inzwischen erfolgreich sanierten amerikanischen Autogiganten Chrysler ein, die 2014 vollzogen wurde. Im Zuge dieser Fusion wanderte der offizielle Firmensitz von Turin nach Amsterdam ab, die Firmenzentrale nach London.

«Fabbrica Italiana Automobili Torino», wofür die Abkürzung Fiat steht, ist also Geschichte. Ihre schönste Verkörperung, die Produktionsanlage in Lingotto, beherbergt seit Ende der Achtzigerjahre ein Kongresszentrum und ein Multiplexkino, die nach zeitgenössischer italienischer Art eher Staub ansetzen als von Aufbruchsstimmung zeugen.

© Renzo Piano Building Workshop