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Alle haben Vorfahrt – zum Beispiel in Köniz bei Bern

«Shared Space» heisst ein Verkehrskonzept des Niederländers Hans Monderman. Erfahrungen zeigen: Ohne Verkehrssignale kommt man nicht nur schneller voran, sondern auch sicherer. Und Ortszentren werden attraktiver.

Mit Verkehrssignalen und -schildern schafft man Ordnung. Ordnung passt besonders gut zur Schweiz. Signale und Schilder sagen, wie man sich verhalten soll. Und wie nicht. Sie sagen, wer im Zweifelsfall Recht hat. Und wer Unrecht. Wer schuld ist, wenn es zu einem Unfall kommt.

Klare Verhältnisse also. Doch ist mit solchen Verhältnissen Menschen und Ortszentren gedient?

Der Niederländer Hans Monderman war einer der ersten, der das Paradigma der streng geregelten Verkehrssicherheit in Frage stellte. Er entwickelte das Konzept «Shared Space» – ein offener, also ungeregelter Verkehrsraum.

Die Annahme, die dem Konzept zu Grunde liegt: Wenn Fussgängerinnen und Skateboarder, Radfahrerinnen und Autofahrer, die Eiligen und die Langsamen, sich einen Raum teilen, dann kann das nur gelingen, wenn sie sich gegenseitig im Blick haben. Weil es die Zeichen der Verkehrsbehörde nicht mehr gibt, geben sie sich Zeichen. Sie sind gezwungen, von sich selbst abzusehen und sich bewusst zu sein, dass sie nicht allein sind, sondern sich einen Raum teilen.

Solche Verkehrsteilnehmer, setzt das Konzept des «Shared Space» voraus, sind achtsam. Ohne Gesten des Einvernehmens gibt es kein Vorankommen. Der offene Raum wirkt zivilisierend auf diejenigen, die ihn benutzen.

Soweit die wohlklingende Theorie. Aber wie funktioniert sie in der Anwendung?

Augenschein in der Vorortsgemeinde

Ortstermin in Köniz, Berner Vorortsgemeinde mit rund 40’000 Einwohnern. Hauptschlagader ist eine Kantonsstrasse, auf der täglich bis zu 20’000 Autos verkehren. Dazu im 4-Minuten-Takt ein Berner Stadtbus.

Früher stand hier alle paar Meter eine Verkehrsampel, kombiniert mit einem Fussgängerstreifen, dessen Querung ebenfalls über Ampeln gesteuert wurde. Zu Stosszeiten stauten sich die Autos im Ortszentrum in beide Fahrtrichtungen. Die Ampeln waren so geschaltet, dass sich bei einem Tempo von 40 Stundenkilometern eine sogenannte grüne Welle ergeben sollte. Doch diese Welle kam immer wieder ins Stocken. Und am Strassenrand warteten die Fussgänger, bis sie das Warten satt hatten und die Strasse auch bei Rotlicht überquerten.

Seit einigen Jahren gibt es in Köniz keine Verkehrsampeln mehr und kaum mehr Fussgängerstreifen. Stattdessen ist der 300 Meter lange Hauptabschnitt der Kantonsstrasse in dieTempo-30 Zonen der umliegenden Gemeindestrassen integriert. Grundsätzlich gilt in dieser Zone, dass die Autofahrerinnen und Autofahrer Vorfahrt haben. Aber ebenso, dass Fussgängerinnen und Fussgänger die Strasse an jeder beliebigen Stelle überqueren dürfen. Keine Zebrastreifen zwingen sie zu Umwegen. Und schon gar keine Ampeln zum Warten. Eine Beobachtung von movi-mento.ch vor Ort zeigt: Autofahrerinnen und Fussgänger verständigen sich per Blickkontakt und Handzeichen. Konsequenz davon: Der Verkehr kommt kaum je zum Stocken. Er fliesst zwar langsamer als vorher, dafür kontinuierlich, insgesamt schneller. Das Prinzip erinnert an den Verkehrskreisel, der die Autofahrer zwar zum Langsamfahren zwingt, aber nur selten zum Anhalten.

Vom liberalisierten Verkehrsregime profitiert insbesondere der Ortskern. Links und rechts der Kantonsstrasse ist je ein Grossverteiler niedergelassen. Die Kantonsstrasse, die vorher den Ortskern zerschnitt, hat heute eher einen verbindenden als einen trennenden Charakter. Sie entspricht einer gemeinschaftlich genutzten Verkehrsfläche. Eine klar abgesteckte Mittelzone schützt die Fussgängerinnen und Fussgänger zusätzlich bei der Querung.
Wissenschaftliche Studien bestätigen diese Beobachtungen. Seit es in Köniz keine Verkehrsschilder mehr gibt, kam es kaum zu Unfällen und die Zahl der Konfrontationen zwischen Autofahrerinnen und Fussgängern ging deutlich zurück, ebenso die Stauzeiten. Tiefere Geschwindigkeiten und gegenseitige Rücksichtnahme ersetzen eine hohe Regelungs- und Signaldichte.


Skepsis der Lokalpresse

Das spricht zwar für das Konzept «Shared Space». Aber noch nicht dafür, dass es überall angewendet werden sollte. Für Modernmann war klar, dass es nur in partizipativen Prozessen eingeführt werden kann, unter Beteiligung der Bevölkerung. Akzeptanz ist wichtig. Denn wo Verkehrsschilder und Verkehrsampeln abmontiert werden. Das lässt sich auch am Beispiel von Köniz nachvollziehen, anhand der Berichterstattung, ist die anfängliche Skepsis gross. Das lässt sich im Fall von Köniz anhand der Berichterstattung in der Lokalpresse aufzeigen. Zu Beginn war die Rede von «Schildbürgerstreich», «Krieg auf der Strasse» und «Behörden basteln eine Zentrum», gegen Ende der Versuchsphase lautete das Credo «kein Grauen am Strassenrand» und «der Verkehrsversuch ergab keine besonderen Gefährdungen». Vier Monate nach dem Versuchsstart waren die Schlagzeilen dann durchwegs positiv: «Die Aufregung ist der Zufriedenheit gewichen», «Nur wenige vermissen die Streifen», «Die Entfernung der Zebrastreifen im Zentrum von Köniz bewährt sich». Fazit von Urs Wilk, der seinerzeit als zuständiger Gemeinderat den «Shared Space» eingeführt hat: «Das neue Verkehrsregime hat sich etabliert, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung steht dahinter.»